Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Johannis Sandstedt

Der Sandstedter Friedhof  – eine kulturgeschichtlich bedeutende Anlage

Mit dem Neubau der Kirche 1420 wurde auch der Friedhof neu angelegt. Der alte Kirchplatz des 11. Jahrhunderts war in den Fluten der Weser untergegangen und mit ihm auch der Gemeindefriedhof. Ein Chronist des 18. Jahrhunderts (Johann Gottlieb Visbeck, Pastor und Probst in Wersabe) überliefert, dass man zu Beginn seines Jahrhunderts dort an der Weser noch Leichensteine gefunden habe.
Der jetzige Friedhof wurde auf der künstlich aufgeworfenen Kirchwurth angelegt. Deswegen liegen die Grabstellen so dicht nebeneinander. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der Friedhof allerdings noch eine große Wiese und der Küster besaß das alleinige Recht, dort das Gras zu mähen und Heu zu machen. Der Viehauftrieb musste noch am Ende des 19. Jahrhunderts untersagt werden. Die Einfassung der Grabstellen ist größtenteils eine Einrichtung des letzten Jahrhunderts.



Die erhaltenen Grabdenkmäler der ländlichen Oberschicht sind in ihrer Formgebung und Fülle eine Besonderheit. Etwa 40 denkmalgeschützte Grabmale des 16. bis 19. Jahrhunderts befinden sich auf dem Friedhofsgelände. Meistens stehen sie noch an dem originalen Ort. Lediglich die drei Barocksteine im südwestlichen Eingangsbereich des Friedhofs wurden dorthin versetzt.
Auf der Nordseite befinden sich noch alle Grabdenkmäler der Vorfahren und Familie des Menschenfreundes und Marschendichters Hermann Allmers aus Rechtenfleth. Er hatte testamentarisch verfügt, dass nach der Neuanlage des Friedhofs in Rechtenfleth 1853 alle Grabstätten seiner Vorfahren auf ewig erhalten bleiben müssten. Deswegen besitzt Sandstedt eine der eindrucksvollsten ländlichen Grabdenkmalsanlagen zwischen Weser und Elbe. Allein 14 Gruftplatten und Denkmäler stammen aus der Familie Allmers. Die Gruftplatte des Stammvaters Wierich Allmers, „Deichgrefe und Voigt Erbgesessener zu Rechtenfleth“ und seiner Ehefrau Metta Sebben von 1785 ist ebenso erhalten, wie eine Reihe klassizistischer Denkmäler aus der Zeit um 1800 mit Freundschaftsurnen und Grabmale, die als abgebrochene Säulenschäfte gestaltet sind. Sie sind in einer Reihe angeordnet wie eine römische Gräberstraße. Dazu muss man wissen, dass bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Haupteingang zur Kirche an diesen Grabmälern vorbei führte.
Vermutlich wurden insgesamt sieben Denkmäler von dem Oldenburger Bildhauer Franz Anton Högl (1769 – 1859) gearbeitet. Den aus Warschau stammenden Bildhauer hatte der Oldenburger Herzog Peter Friedrich Ludwig 1804 an seinen Hof geholt. In der Stadt Oldenburg und auf dem historischen Gertrudenfriedhof befindet sich noch eine Reihe hervorragende Arbeiten Högls – und eben auch offenbar in Sandstedt (und Wersabe). Es sind kunstgeschichtlich außerordentliche Zeugnisse des Kunstschaffens aus der Zeit des frühen Klassizismus. Diese Denkmale der Erinnerungskultur zeugen auch von dem öffentlich dargestellten Reichtum der Deichgräfenfamilie Allmers.

Es lohnt sich, die innigen Inschriften dieser Denkmäler zu lesen. Als Beispiel seien zwei genannt: 
Der im Alter von 27 Jahren 1807 verstorbenen Anna Hedwig Allmers und ihrer gleichzeitig verstorbenen 10jährigen Tochter Margretha wird in einer Abschiedsrede der Verstorbenen gedacht 

Früh /Trent auch uns / des Todes Hand / und führte mich / ins bessre Vaterland / Eins unserer guten Kinder / ging mit mir / noch drei lies Gott zum Trost,/ geliebter Gatte dir. / weint euer Aug um uns,/ blickt auf zu jener Höhen / wo ohne Trennung wir / uns wiedersehen.
und ihr Mann ruft ihnen nach: 
Ihr sollt / uns unvergesslich sein./ Euer Herz war liebend / from und rein / Mit Trug und Falschheit / unbekannt / Ruht sanft in Gottes /Vatterlandt.

Für den im Alter von 77 Jahren gestorbenen Herman Allmers setzen die Hinterbliebenen 1836 einen Stein mit dieser Widmung:

Der Todesengel hat ihn sanft / umschattet / Hat aus des Lebens stürmischen / Gedränge / Ihn hingeführt in stille Grabes-/ Enge / Wo Ruhe sich und Frieden treulich / gattet / Die lange Reise hatte Ihn ermattet / Entschlummert ist das Herz für dieses / Lebens Klänge / Wir blicken nach und müssen / Thränen weinen / Doch wird ein Jenseits uns mit / ihm vereinen //

Die ältesten Grabplatten, die ursprünglich in der Kirche gelegen hatten, stehen nun in der Turmhalle (die auch meistens zu den Kirchenöffnungszeiten besichtigt werden kann). Von 1586 stammt die Gruftplatte des Junkers Borchert Wittmers und seines Sohnes Cord Wittmers + 1606 (er stiftete im Jahr 1600 die reich geschnitzte Kanzel). Ursprünglich lag sie über dem Erbbegräbnis in der Nordost-Ecke der Kirche. Da heißt es dann kurz bekennerisch in Niederdeutsch: VORWACHTEN DE FROLIKE ERSTANDINGE TOM EWIGEN LEBENDE (Erwarten die fröhliche Auferstehung zum ewigen Leben)
Drei Sandstedter Pastoren lagen namentlich vor dem Altar begraben: Thomas Oestereich + 1614, Christian Hoddersen + 1625 und Theodor Stolting + 1654. Ein reich mit umlaufenden Wappen gezierter Stein wurde dem Verdener Domherrn Johan um 1600 gesetzt.

Eine Besonderheit stellen in den Marschen die Hochgräber dar. Es sind überirdisch gemauerte Grüfte, die bis in diese Zeit hinein genutzt werden.

Auch stehen verstreut Denkmäler für Pastoren und deren Familien. Unter der großen Eibe im Osten steht ein Obelisk für die Großeltern von Hermann Allmers: Pastor Carl Georg Hieronimus Biedenweg +1826 und seine Ehefrau Amalie Dorothea, geb. Kort + 1823. Superintendent Georg Franz Daniel Fromme erhielt 1864 ein schlichtes Denkmal mit einem krönenden Kreuz

Der Friedhof ist weiterhin für die Ortschaften Sandstedt, Offenwarden und das Sandstedter und Offenwarder Moor einziger Gemeindefriedhof.

Pastor Diederichs-Gottschalk, August 2005